Wenn’s zu schnell geht in der Liebe …
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe 7. November 2011
Urs (Name geändert) meldet sich unverblümt mit der Diagnose „Ejaculatio praecox“ (vorzeitiger Samenerguss) an. Diese Formulierung lässt darauf schliessen, dass Urs sich schon gut mit seinem Problem auseinander gesetzt und informiert hat. Urs war erst bei seinem Hausarzt, der einen vorzeitigen Samenerguss diagnostizierte. Mit einer anästhesierenden Salbe sollte die Empfindsamkeit der Eichel vermindert werden. Für Urs war die erzielte Wirkung nicht befriedigend und er erhielt vom Hausarzt ein antidepressiv wirkendes Medikament zur Behebung seines Problems. Das klappte auch eine Weile, aber Urs fühlte sich zunehmend unwohl, jetzt für lange Zeit oder gar für immer ein Antidepressivum einnehmen zu müssen, denn er hatte nicht den Eindruck, depressiv zu sein. Für ihn stand fest, das Problem müsste auf andere Weise lösbar sein. Und er behielt Recht mit dieser Einstellung.
Urs ist 29 Jahre alt, ein körperlich und geistig gesunder junger Mann. Seit einigen Monaten hat er eine neue Freundin, Sabrina (Name geändert), die sehr verständnisvoll ist und mit der er über dieses Problem gut reden kann. Nur, geändert hat sich dadurch nichts wesentlich, und beide sind mit dieser Situation nicht sehr glücklich. Er möchte Sabrina keinesfalls verlieren, sie bedeutet ihm alles, und das setzt ihn auch innerlich sehr unter Druck, „gut sein zu wollen/müssen“.
Urs hatte schon einige Freundinnen, und hin und wieder gelang es ihm doch, den Samenerguss hinauszuzögern. Aber seit er mit Sabrina zusammen ist, lassen ihn alle seine bis anhin hilfreichen Versuche im Stich. Bei beiden hat sich mittlerweile ein unsicherer Umgang mit der Sexualität eingeschlichen. Sobald Lust auf Zärtlichkeit sich zeigt, steigt zugleich bei beiden auch die Angst auf, dass es wieder nicht so klappen könnte, wie sie es sich wünschen würden. Dementsprechend gross sind hinterher die Enttäuschung und Frustration. Manchmal ertappte er sich bereits dabei, seine Lust zu unterdrücken, um dieser für ihn so peinlichen Situation zu entgehen. Urs verstand nicht, wieso es bei der Selbstbefriedigung klappte und bei der Frau, die er liebt, nicht.
In der Literatur wird erwähnt, dass 15 % aller Männer unter frühzeitigem Samenerguss leiden, das ist die häufigste Sexualstörung bei Männern überhaupt. Doch was ist eigentlich ein frühzeitiger oder vorzeitiger Samenerguss? Schon allein die Formulierung beinhaltet, dass es dann auch einen „zeitigen“ Samenerguss geben muss, der die Norm ausmacht. Gibt es eine Norm in der Sexualität? Wie viel Minuten muss ein Mann durch- oder aushalten, dass er in der Norm liegt? Die einzige Norm in der Sexualität ist das persönliche Empfinden des Mannes und seiner Partnerin.
Tatsache ist, dass Männer wie auch ihre Partnerinnen darunter leiden, wenn sich nichts ändert. Die Beziehung ist dauerhaft belastet, und das wirkt sich wohl eher negativ auf das gemeinsame Leben aus.
Urs hatte die richtige gesunde Einstellung, als er sich nach anderen Alternativen neben Medikamenten umsah. In entsprechenden Foren im Internet las er von verschiedensten Techniken, die er zum Teil anwandte, sie waren jedoch nicht zufriedenstellend und hatten keinen nachhaltigen Erfolg. Er wollte es genau wissen.
Urs entschied sich für eine Sexualberatung, in der gezielt sein Problem im Mittelpunkt stehen soll. Dort lernte er erstmals sich ganz bewusst mit seinem Körper zu beschäftigen und dessen Funktionen genau zu erkennen. So wie ein Musiker sein Instrument kennen und spielen lernt. Er lernte, wie er seine Erregung ganz bewusst steigern und regulieren konnte.
Es war für ihn eine ganz neue Erfahrung, sich überhaupt so eingehend mit seinem Körper und seinen Empfindungen zu beschäftigen. Vorher war er total auf sein Geschlecht fokussiert gewesen. Jetzt hat er einen wesentlich besseren Zugang zu seinem Körper gefunden. Er hatte seine Sexualität, seine Erektion wieder im Griff. Erst das gab ihm seine sexuelle Selbstsicherheit zurück, und er wusste jetzt, was er machen musste, um seine Erregung steuern zu können. Druck und Angst waren weg, und der Weg für beide frei, ihre gemeinsame Sexualität voll leben zu können.