Alle Artikel der Kategorie ‘Presse‘
- Wenn’s zu schnell geht in der Liebe …
- Endlich Ferien: Sonne, Strand, Sex - und Streit
- Unsere erste gemeinsame Wohnung
- Schenken als Gewissensberuhigung – oder: alles nur zum Wohl des Kindes?
- Schatz, wir müssen miteinander reden!
- Vielbeschäftigte junge Mütter und ihr Burn-out-Risiko
- Fremdgehen: Ferien von der Monogamie?
- Kleine Zeitinseln schaffen
- Wenn es im Bett nicht mehr knistert
Wenn’s zu schnell geht in der Liebe …
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe 7. November 2011
Urs (Name geändert) meldet sich unverblümt mit der Diagnose „Ejaculatio praecox“ (vorzeitiger Samenerguss) an. Diese Formulierung lässt darauf schliessen, dass Urs sich schon gut mit seinem Problem auseinander gesetzt und informiert hat. Urs war erst bei seinem Hausarzt, der einen vorzeitigen Samenerguss diagnostizierte. Mit einer anästhesierenden Salbe sollte die Empfindsamkeit der Eichel vermindert werden. Für Urs war die erzielte Wirkung nicht befriedigend und er erhielt vom Hausarzt ein antidepressiv wirkendes Medikament zur Behebung seines Problems. Das klappte auch eine Weile, aber Urs fühlte sich zunehmend unwohl, jetzt für lange Zeit oder gar für immer ein Antidepressivum einnehmen zu müssen, denn er hatte nicht den Eindruck, depressiv zu sein. Für ihn stand fest, das Problem müsste auf andere Weise lösbar sein. Und er behielt Recht mit dieser Einstellung.
Urs ist 29 Jahre alt, ein körperlich und geistig gesunder junger Mann. Seit einigen Monaten hat er eine neue Freundin, Sabrina (Name geändert), die sehr verständnisvoll ist und mit der er über dieses Problem gut reden kann. Nur, geändert hat sich dadurch nichts wesentlich, und beide sind mit dieser Situation nicht sehr glücklich. Er möchte Sabrina keinesfalls verlieren, sie bedeutet ihm alles, und das setzt ihn auch innerlich sehr unter Druck, „gut sein zu wollen/müssen“.
Urs hatte schon einige Freundinnen, und hin und wieder gelang es ihm doch, den Samenerguss hinauszuzögern. Aber seit er mit Sabrina zusammen ist, lassen ihn alle seine bis anhin hilfreichen Versuche im Stich. Bei beiden hat sich mittlerweile ein unsicherer Umgang mit der Sexualität eingeschlichen. Sobald Lust auf Zärtlichkeit sich zeigt, steigt zugleich bei beiden auch die Angst auf, dass es wieder nicht so klappen könnte, wie sie es sich wünschen würden. Dementsprechend gross sind hinterher die Enttäuschung und Frustration. Manchmal ertappte er sich bereits dabei, seine Lust zu unterdrücken, um dieser für ihn so peinlichen Situation zu entgehen. Urs verstand nicht, wieso es bei der Selbstbefriedigung klappte und bei der Frau, die er liebt, nicht.
In der Literatur wird erwähnt, dass 15 % aller Männer unter frühzeitigem Samenerguss leiden, das ist die häufigste Sexualstörung bei Männern überhaupt. Doch was ist eigentlich ein frühzeitiger oder vorzeitiger Samenerguss? Schon allein die Formulierung beinhaltet, dass es dann auch einen „zeitigen“ Samenerguss geben muss, der die Norm ausmacht. Gibt es eine Norm in der Sexualität? Wie viel Minuten muss ein Mann durch- oder aushalten, dass er in der Norm liegt? Die einzige Norm in der Sexualität ist das persönliche Empfinden des Mannes und seiner Partnerin.
Tatsache ist, dass Männer wie auch ihre Partnerinnen darunter leiden, wenn sich nichts ändert. Die Beziehung ist dauerhaft belastet, und das wirkt sich wohl eher negativ auf das gemeinsame Leben aus.
Urs hatte die richtige gesunde Einstellung, als er sich nach anderen Alternativen neben Medikamenten umsah. In entsprechenden Foren im Internet las er von verschiedensten Techniken, die er zum Teil anwandte, sie waren jedoch nicht zufriedenstellend und hatten keinen nachhaltigen Erfolg. Er wollte es genau wissen.
Urs entschied sich für eine Sexualberatung, in der gezielt sein Problem im Mittelpunkt stehen soll. Dort lernte er erstmals sich ganz bewusst mit seinem Körper zu beschäftigen und dessen Funktionen genau zu erkennen. So wie ein Musiker sein Instrument kennen und spielen lernt. Er lernte, wie er seine Erregung ganz bewusst steigern und regulieren konnte.
Es war für ihn eine ganz neue Erfahrung, sich überhaupt so eingehend mit seinem Körper und seinen Empfindungen zu beschäftigen. Vorher war er total auf sein Geschlecht fokussiert gewesen. Jetzt hat er einen wesentlich besseren Zugang zu seinem Körper gefunden. Er hatte seine Sexualität, seine Erektion wieder im Griff. Erst das gab ihm seine sexuelle Selbstsicherheit zurück, und er wusste jetzt, was er machen musste, um seine Erregung steuern zu können. Druck und Angst waren weg, und der Weg für beide frei, ihre gemeinsame Sexualität voll leben zu können.
Endlich Ferien: Sonne, Strand, Sex – und Streit
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe 20. Juni 2011
Nach den Sommerferien werden häufig Scheidungen eingereicht. Meistens kommen gerade in den Ferien, weit ab vom Alltag, die eigentlichen Ungereimtheiten in einer Beziehung zum Ausdruck. Warum gerade kommen in den langersehnten Ferien Probleme an die Oberfläche, über die man sich schon längere Zeit ärgert? Und die im Alltag untergegangenen oder besser gesagt verdrängten Konflikte werden wieder aufgewärmt.
Die Sommerferien bestehen für viele Ehepaare aus vier Zutaten: Sonne, Strand, Sex – und Streit. Sie möchte am Strand oder Pool liegen, er möchte tauchen. Beide sind nicht mehr daran gewöhnt, den ganzen Tag zusammen zu sein. Und statistisch gesehen wird im Alltag nur zehn Minuten pro Tag miteinander geredet. Da geht in den Ferien schnell der Gesprächsstoff aus. Früher haben Ehepaare viel mehr Zeit miteinander verbracht. In unserer schnelllebigen Zeit wird das immer schwieriger, alles unter einen Hut zu kriegen. Das hängt auch mit den gestiegenen Ansprüchen der Partner aneinander zusammen.
Viele Paare spüren schon vor Ferienbeginn, dass etwas nicht in Ordnung ist und wenden sich „präventiv“ an Freunde und holen sich Rat, wie sie gemeinsam diese Zeit meistern können. Sie haben oft zu hohe Erwartungen an die Ferien. Getrieben von der Vorstellung alles gemeinsam machen zu müssen lässt beim einen oder anderen schon der blanke Horror aufkommen. Würde sich jeder die Freiheit nehmen, auch mal etwas alleine zu unternehmen, statt murrend dem Frieden zuliebe, den ja doch keiner hat, mitzugehen, könnte das wesentlich zu einer entspannten Atmosphäre beitragen und die Stimmung heben. In die Ferien werden unbefriedigte Bedürfnisse hineinverlagert. Alles soll Platz haben, denn schliesslich will man sich ja erholen und all das machen, wozu unter dem Jahr keine Zeit ist. Im schlechtesten Fall plant jeder insgeheim für sich die Verwirklichung seiner Vorstellungen von Zweisamkeit. Da wird meist die Rechnung ohne den Wirt gemacht und auf die Hoffnung gebaut. Da ist Enttäuschung vorprogrammiert. Sind Kinder mit ihren Wünschen dabei, wird es noch komplizierter, wenn sich nicht eingehend abgesprochen wird.
Gefährdet scheinen vor allem Paare mit erwachsenen Kindern. Wenn die Eltern wieder allein in die Ferien fahren, dann brechen häufiger Konflikte auf. Als besonders riskant sind eher Ferien, in denen man die Seele baumeln lassen will. In aktiven Ferien streiten sich Paare dagegen seltener. Dort wird die Beziehung durch Aktivitäten reguliert.
Was, wenn nach den Ferien der Haussegen noch immer schief hängt?
In der Praxis der Paarberaterinnen herrscht im September regelmäßig Hochbetrieb, und da wird versucht zu retten, was zu retten ist. Beim Anschauen von Altlasten stellen sich auch gemeinsame Bekenntnisse dar. Und meistens lässt sich doch noch „eine kleine Glut“ erkennen, die sich lohnt in sorgsamer Weise zu einer Flamme zu entwickeln. Die Hemmschwelle, sich bei Beziehungsproblemen Hilfe von außen zu holen hat nach meinen Beobachtungen insgesamt abgenommen – vor allem vonseiten der Männer, was sehr erfreulich ist.
Ein wesentlicher Punkt ist, sich im Alltag nicht aus den Augen zu verlieren und feste Termine für die „Beziehungsarbeit“ zu vereinbaren. Gerade wenn die Kinder noch klein sind, ist die Gefahr gross, sich aus den Augen zu verlieren und umso wichtiger ist es, sich diese gemeinsame Zeit einzuräumen. Es lohnt sich immer, aktiv etwas für die Partnerschaft zu tun, um wieder mehr Nähe, Vertrautheit und gegenseitiges Verständnis zu erlangen.
Eigenes Verhalten in der Beziehung beobachten
Um die Beziehung oder Ehe retten zu wollen, ist es zunächst sehr hilfreich, herauszufinden, welche eigenen Verhaltensmuster sich negativ auf die Beziehung auswirken. In der Regel führt es zu nichts, Gründe für Beziehungsprobleme beim anderen zu suchen, sondern sich selber zu fragen: Welches ungünstige Verhalten lege ich in meiner Ehe immer wieder an den Tag? Eifersüchtig, kontrollieren, spionieren, klammern, kritisieren oder blockieren? Wie sieht es mit dem Nähe-Distanz Verhalten gegenüber dem Partner aus? Und was ist mit den positiven Seiten des Partners? Sind die Ansprüche an den anderen zu hoch, so dass diese kaum zu befriedigen sind? Darüber ehrlich zu sich selber nachzudenken und zu reflektieren ist ein wesentlicher Schritt in die Veränderung. Denn je mehr und besser man sich selber “durchschaut”, desto wahrscheinlicher wird es gelingen, für eine Beziehung unvorteilhafte Verhaltensmuster zum positiven zu wenden.
Unsere erste gemeinsame Wohnung
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe 14. Februar 2011
Was gilt es zu beachten, damit alles gut gelingt.
Heute ist Valentinstag, der Tag der Verliebten. Für manche Anlass sich über ein Zusammenziehen Gedanken zu machen. Viele Paare träumen bereits nach wenigen Monaten des Kennenlernens von der gemeinsamen Wohnung. Die Entschlossenheit, die Zukunft gemeinsam auch räumlich zu verbringen, zeigt Verbindlichkeit. Alles passt zusammen, die Partner verstehen sich sehr gut und die unmerklich kleinen Auffälligkeiten werden zwar wahr aber nicht so gravierend ernst genommen. Die Schmetterlinge im Bauch erzeugen ein Hochgefühl, das von Toleranz und Grosszügigkeit geprägt ist. Der Gedanke, jede Nacht mit dem geliebten Menschen in enger Zweisamkeit zu verbringen und das Wochenende gemütlich zu geniessen, gemeinsam den Tag, ja jede Stunde miteinander zu verbringen – das macht Lust auf Leben. So stellt man sich das eventuell vor. Und ein symbiotisches Gefühl, am liebsten in den anderen hineinzuschlüpfen, um ihm ganz nahe zu sein, macht sich stark.
Der Wunsch nach Nähe
Doch zu viel Nähe kann sehr erdrückend wirken und vom Wunsch der Zweisamkeit kann bald der Wunsch nach mehr Alleinsein werden. Um das Zusammenleben auch wirklich geniessen zu können, bedarf es neben der gemeinsamen Wohnung auch des Wissens, wie sich mein Gegenüber das Zusammenleben im Konkreten vorstellt. Möchte der eine sich morgens schweigend hinter die Zeitung verkriechen, der andere aber, kaum wach geworden, schnattert schon los. So hat jeder seine Gewohnheiten, die in Kompromisslösungen neu ausgehandelt werden müssen.
Die Suche nach dem Nest
Das Suchen einer Wohnung hat schon eine heilsame Wirkung. Wie gross die Wohnung sein soll hängt in erster Linie von den finanziellen Mitteln des Paares ab. Dennoch sollte die Wohnung gross genug sein, dass jeder seine Rückzugsmöglichkeit hat, denn zuviel Nähe, wenn auch in diesem Stadium der Verliebtheit gewünscht, kann auch einengend wirken. Zumindest die Freiheit zu haben, auch mal alleine innerhalb der Wohnung etwas für sich zu tun, z.B. einem Hobby nachzugehen, sollte unbedingt drin liegen.
Alltagsregeln
Für den Alltag sollten verbindliche Regeln gefunden werden. Das klingt unromantisch, ist aber die beste Basis für ein Zusammenleben ohne schwelende Konflikte und nervige Missverständnisse. Eine schriftliche Auflistung, wem welche Gegenstände gehören, schafft Klarheit und schützt beide in unangenehmen Situationen. Über die unterschiedlichen Gewohnheiten voneinander Kenntnis zu haben ist ausserordentlich wichtig. Hier beginnt die Kompromissbildung bereits, sich einerseits so zu akzeptieren wie man ist und andererseits sich auch entgegen zu kommen. Wie sind die Vorstellungen von der Haushaltführung, der Haushaltpflege, dem Einkaufen, dem Wäsche waschen und bügeln etc.? Wie sind die Vorstellungen der Aufgabenverteilung und die Höhe vom Haushaltgeld? Und welchen Anspruch haben beide an Ordnung und Sauberkeit. Wie sind die Bedürfnisse und Meinungen darüber, auch mal alleine mit Freunden weg zu gehen, ein Wochenende oder einen Abend zu verbringen? Und der gemeinsame Umgang mit der Familie und den Verwandten? Ein ganz wichtiger Punkt, der leicht zu Unstimmigkeiten Anlass gibt, denn auch die Familie hat ihre Vorstellungen.
Beide Partner müssen es lernen zu akzeptieren, wenn der andere einfach mal seine Ruhe haben will. Nur: bei ungelösten Problemen hilft es jedoch wenig, sich aus dem Weg zu gehen. Spätesten dann sollte man sich unbedingt an einen Tisch setzen, am besten auf neutralen Terrain und das tun, was jede Beziehung dauerhaft festigt: miteinander reden und Klarheit schaffen.
Schenken als Gewissensberuhigung – oder: alles nur zum Wohl des Kindes?
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe 13. Dezember 2010
Lena ist 5 Jahre alt, sitzt enttäuscht da, mit gesenktem Kopf und blickt in ihre im Schoss liegenden Hände. Es ist Weihnachten, Heilig Abend, die Bescherung ist vorbei. Dabei hätte sie allen Grund, sich nur noch zu freuen über die überwältigend vielen Geschenke. Doch Regula und Martin, die Eltern, sind ratlos, besonders Regula, und auch sehr enttäuscht, dass bei Lena so keine Freude aufkommen mag. Dabei haben sie sich so viel Mühe gegeben und Zeit aufgewendet, möglichst vielfältige und pädagogisch gute Geschenke zu kaufen und unter den Weihnachtsbaum zu legen.
Voller Enthusiasmus führte Regula ihre Tochter nach dem Kirchgang an den Gabentisch und zeigte ihre Begeisterung, die sie auch von Lena erwartete. Lena stand regungslos da. Aus ihrer Perspektive war es ein riesiger Berg von Geschenken, viele kleine und grosse von ihren Eltern und beiden Grosseltern. Morgen stand Besuch von Gotte und Götti an und sie bringen auch viele Geschenke mit, denn beide wohnen weit weg und sie sehen Lena nur wenig im Jahr. Lena stand da und wusste nicht, wo sie beginnen, welches der vielen Geschenke sie als erstes auspacken sollte. War sie überwältigt oder gar überfordert?
Regula half ihr und bot ihr die einzelnen Geschenke an. Sie sollte auswählen und entscheiden, welches sie zuerst öffnen wollte. Diese Entscheidung konnte sie fast nicht treffen und zeigte wortlos mit dem Finger auf das Grösste. Lena ist eher ein schüchternes Kind. Sie begann zaghaft und vorsichtig, das Papier zu zerreissen. Dann zeigte Regula ihr, wie man Geschenke „richtig“ auspackt. Sie jubelte übertrieben laut mit hoch geworfenen Händen und lachte und riss das Papier ungezügelt von dem grossen Paket, in der Hoffnung, sie könne Lena zum Mitmachen animieren, was ihr aber nicht gelang. Regula zeigt ihre Emotionen und hätte so gerne, dass auch Lena so aus sich raus gehen könnte. Die drei grössten Geschenke waren ausgepackt und Lenas Enttäuschung wuchs von Päckli zu Päckli. Die letzten kleineren Geschenke beachtete sie gar nicht mehr, mit denen Martin versuchte, ihr Interesse zu wecken. Lena wandte sich ab und nahm ihren weichen Teddy in den Arm.
Was ist passiert? Lena hatte nur einen einzigen Wunsch angebracht und ihre Enttäuschung war sehr gross, dass das Geschenk, welches sie sich so sehr wünschte, und nur das, leider nicht dabei war.
Im Schenken zeigen wir unsere Liebe und Dankbarkeit zu einem Menschen und lassen den Wert erkennen, den er für uns hat, wie viel er uns bedeutet, wie wichtig er uns ist. Mit dem Schenken wird Freude ausgedrückt. Um wirklich eine Freude zu machen, muss man wahrnehmen, über was sich der Beschenkte freuen würde. Das erfordert erhöhte Aufmerksamkeit und Interesse.
Lenas Eltern sind beide berufstätig und haben nicht sehr viel Zeit unter der Woche für sie. Regula hat permanent ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Martin geht es ähnlich, aber er quält sich weniger mit diesen Gedanken. Regula setzt sich selber unmerklich unter Druck, ihrem Bedürfnis und denen von Lena gerecht zu werden, mehr Zeit miteinander zu haben. Sie wirkt oft gereizt, ist im Beruf enorm gefordert, manchmal tagelang unterwegs und merkt, dass Lena nicht so offen und ausgelassen ist, wie sie glaubt, dass das Umfeld es für richtig befinden würde. Die „Schuld“ sieht sie in ihrem Zeitmangel, durch den sie immer wieder mit ihrem Dilemma konfrontiert wird. Sehr gut gemeint, denn Regula liebt ihr Tochter über alles, versucht sie insgeheim ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen und mit vielen Geschenken besonders zu Weihnachten und Geburtstag den Zeitverlust wieder auszugleichen. Damit zeigt sie auch ihre Liebe zu Lena.
Getrieben vom schlechten Gewissen ist es sehr schwierig für sie, Lena nur EINEN Wunsch zu erfüllen. Ein Wunsch drückt für sie zu wenig ihre Liebe aus. Für Regula macht es die Fülle aus. Sie käme sich eher schäbig vor, würde sie nur ein Geschenk für sie haben. Ausserdem, wie würde Lena vor ihren Gspänli da stehen, mit nur einem Geschenk. Das würde ein schlechtes Licht auf die Eltern werfen.
Ein egoistisches Verhalten von Regula und Martin, von Gotte und Götti, von den Grosseltern?
Deren Bedürfnisse scheinen in dieser Situation im Vordergrund zu stehen. Die von Lena werden nicht wirklich ernst genommen. Für Lena wäre es eine sehr gute Möglichkeit, ihr selbstgewähltes einziges Geschenk vor ihren Gspänli zu „verteidigen“ und so ihr Selbstbewusstsein zu entwickeln und zu stärken und zu sich zu stehen. Und sie würde die Erfahrung machen, dass sie in ihren Bedürfnissen wirklich wahrgenommen wird. Möglicherweise hat Lena jetzt ein Problem vor ihren Gspänli, ohne dass die Eltern vielleicht je davon erfahren werden. Lena hat sich bei Ihrem Geschenk etwas gedacht. Es würde ihr helfen, sich in eine Gruppe besser einbringen zu können.
Übrigens: Lena wünschte sich einen Fussball und… die Geschichte ist authentisch, auch wenn sie erfunden wirkt.
Frohe Weihnachten!
Schatz, wir müssen miteinander reden!
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe 6. September 2010
Kürzlich rief meine Freundin Uschi aus Köln an und klagte mir, dass sie an ihren Mann Dirk nicht mehr ran komme. Wenn sie versuche, mit ihm über ihre Beziehung reden zu wollen, verdrehe er die Augen und erkläre mit genervter Stimme, er wolle nicht schon wieder die alten Probleme wälzen. Stattdessen schlage er vor, nicht immer zurück zu schauen, sondern nach vorne. Meine Freundin wirkte sehr verzweifelt. Jeder Versuch, ihr wichtige Situationen, Vorkommnisse, Verletzungen bei ihm anzusprechen, scheiterte. Sie sagte, sie könne nicht einfach so nach vorne schauen und über alles hinweg gehen und so tun, als ob die Welt in Ordnung wäre. Und doch raffe sie sich dann wieder auf, denke über seinen Vorschlag nach, “versorge” ihre Anliegen wieder und schicke sich in den Alltag. Bis zum nächsten Mal, wenn ihr Fass wieder voll ist und droht überzulaufen.
Ein in vielen Partnerschaften verbreiteter Zyklus und sicherlich vielen ein bekanntes Verhaltensmuster. In diesen Anliegen scheinen sich Frauen und Männer oft nicht zu treffen. Was läuft da möglicherweise bei beiden ab? Ein interpretierender Versuch, sich in beide hinein zu versetzen, kann verstehen helfen und daraus kann ein neues Aufeinander-Zugehen abgeleitet und entwickelt werden.
Kommunikation in der Partnerschaft ist das Stichwort. Alle tun es jeden Tag mit vielen Menschen mit unterschiedlichsten Anliegen. Reden ist für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit und ein notwendiges Mittel zu kommunizieren. Mit Reden werden Bedürfnisse, Freuden, Ängste, Frustrationen etc. mitgeteilt. Ein Gegenüber das zuhört und gar zustimmend unterstützt, vermittelt das Gefühl, verstanden zu werden. Vertrauen und Nähe entsteht.
Ich fragte Uschi, was sie eigentlich mit Dirk besprechen möchte. Sie erzählte mir wirklich alte Geschichten, Enttäuschungen mit vielen Verletzungen, die nicht verheilt sind und doch immer wieder an ihr nagen. Gerne möchte sie ihm mitteilen, wie weh ihr sein Verhalten getan hat, aber wenn sie das zur Sprache bringe, stehe er verärgert auf und wolle gar nicht mehr weiterreden. Dann kämen Vorwürfe von ihm, dass sie immer diese alten Sachen aufwärme, die doch längst vorbei seien. Die Luft sei dann zum Schneiden dick, von Nähe keine Spur mehr, Kälte herrsche und sie fühle sich von ihm meilenweit entfernt. In dieser Atmosphäre fühlt sich Uschi gar nicht wohl. Und Dirk auch nicht. Was will Uschi von Dirk eigentlich, wenn sie mit ihm darüber reden will? Uschi muss kurz nachdenken und gibt sehr zögerlich preis: sie möchte, dass er sieht, dass er sie verletzt hat, damals. Sie möchte, dass er für ihr Verletzt-sein Verständnis zeige und ihr das eingestehe. Noch zögerlicher erklärt sie, dass sie sich so sehr wünsche, dass er sich bei ihr für sein verletzendes Verhalten entschuldigen könnte, dass er sie in den Arm nehme, ihr sagen würde, es täte ihm leid, dass er ihr so weh getan habe. Das wäre für sie so wichtig zu hören, und die Zusicherung, dass sie das wieder miteinander hin kriegen. Dann, so sagt sie, würde es ein leichtes für sie sein, ihm verzeihen zu können und sie könnte sich ihm auch wieder mehr öffnen. Und Dirk? Hat sie ihm klar mitgeteilt, was sie sich von ihm erhofft? Nein, dazu habe sie nie den Mut gehabt.
Dirk ist ein Mann, der gelernt hat, seine Probleme alleine zu lösen. Es käme ihm nicht in den Sinn, sich jemandem zu offenbaren, schon gar nicht, was die Partnerschaft mit seiner Frau betrifft. Und wenn, dann nicht als Hilfesuchender. Die alten Geschichten nerven ihn, er will sie endlich vergessen, sie sind vorbei und passiert. Er kann es nicht rückgängig machen. Wenn Uschi damit anfängt, wird es für Dirk eng. Er kommt in die Klemme, denn er weiss keine Lösung, die er ihr vorschlagen kann, ausser nach vorne und nicht zurück zu schauen. Und diesen Vorschlag hat er schon x-mal gemacht, aber er wurde von ihr nie wirklich angenommen. Was soll er noch tun? Er weiss es nicht und er fragt auch nicht, was Uschi wirklich will, warum sie z.B. immer wieder mit dem Thema kommt.
Eine einfache Warum-Frage würde den Gesprächsrahmen öffnen. Da Dirk sich selber mit der Aufgabe nach einer Lösung quält, gerät er sehr schnell in eine Sackgasse und genau die will er vermeiden und entzieht sich dem Gespräch. Dazu kommt, dass es für ihn ein äusserst emotionales und sehr unangenehmes Thema ist, das er versucht auf sachliche vernünftige Weise zu bewerkstelligen, aber leider führte es bisher nicht zum Ziel. Er hat nie gelernt, über emotionale Themen zu reden und fühlt sich da eher auf dünnem Eis.
Uschi sowie Dirk wird es nicht leicht fallen ein konstruktives Beziehungsgespräch zu führen. Eine Mail oder “besser noch” ein “altmodisch” mit der Hand geschriebener Brief wäre eine gute Grundlage dafür und würde Zeit schaffen, sorgfältiger darüber nach zu denken – für beide.
Vielbeschäftigte junge Mütter und ihr Burn-out-Risiko
Junge Mütter müssen vielen Ansprüchen genügen und geraten oft an ihre Grenzen. Die unterschiedlichen Situationen von Sina und Pia zeigen, wer von ihnen mehr gefährdet ist, an einem Burn-out zu erkranken.
Priska M. Finteis Pevalek für das St.Galler Tagblatt,
Ausgabe 6. Mai 2010
Sina*, Mutter zweier Kinder (4 und 1 Jahr alt), dipl. Krankenschwester, aktive Samariterin, verheiratet mit Tom*, Banker, beide Ende 30. Eigenes Haus. Beides Einzelkinder aus gut situiertem Hause. Die Grosseltern sind immer zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Einen Tag in der Woche sind die Kinder jeweils bei den Grosseltern beider Seiten. Eine sehr komfortable Situation für beide. Dadurch hat Sina Zeit, sich wieder als Ausbildnerin zu betätigen und sich ihrem Studium zu widmen. Auch an ihrer alten Arbeitsstelle kann sie wieder 40 % arbeiten.
Pia*, Mutter zweier Kinder (5 und 3 Jahre alt), Ende 20, dipl. Pflegefachfrau, getrennt lebend, 4-Zimmer-Wohnung. Keine verlässliche Unterstützung von den Eltern und Schwiegereltern, da diese berufstätig sind, auch nicht vom getrennt lebenden Ehemann. Lebensunterhalt ist eher gering, so dass Pia gezwungen ist, wieder einer Arbeit ausser Haus nachzugehen. In dieser Zeit muss sie eine Betreuungslösung für ihre Kinder finden.
Wer von beiden ist mehr gefährdet, an einem Burnout zu erkranken?
Pia? Weil sie alles alleine organisieren muss und auf fremde Hilfe angewiesen ist? Wäre naheliegend. Oder Sina?
Pia kann es sich „nicht leisten“ krank zu werden. Wenn sie erkrankt, was passiert dann mit ihren Kindern? Ein enormer Druck der auf ihr lastet. Pia ist eine selbstbewusste Frau, der es mit der Zeit gelungen ist, sich gut zu organisieren und eine recht gute Ausgeglichenheit zwischen Beruf, Mutter sein und privatem Leben herzustellen. Ihre Kinder sind für sie das Wichtigste. Durch ihre nicht einfache Situation hat sie gelernt, Prioritäten zu setzen, für ihre Kinder da zu sein, wie es die Zeit erlaubt. Pia kann sich gut abgrenzen und hat eine konsequente Haltung ihren Kindern gegenüber entwickelt. Sie hat ein gutes Einfühlungsvermögen und kann gut Entscheidungen treffen. Andere würden sagen, sie sei ein strenges Mami. Pia hat wenig Spielraum, wenig Rückhalt und muss von daher sehr effizient ihr Leben, ihre Zeit und ihre Energie einteilen.
Anders bei Sina. Die Kinder stehen bei allen Erwachsenen im Mittelpunkt. Auf die Förderung der Kinder wird bei allem sehr grossen Wert gelegt. Die Grosseltern haben viel Zeit, da sie nicht mehr berufstätig sind. Die Kinder sind sehr angenehm und liebenswert. Bei kleinen Zurechtweisungen reagiert die 4 jährige bereits gekränkt mit Rückzug und Weinen. Sinas Alltag ist geprägt von einerseits Mutter sein, andererseits ist sie als Ausbildnerin engagiert, arbeitet zu 40% in ihrem Beruf und lernt für das Pflege-Fernstudium neben Kindern, Haus und grossem Garten. Sina ist eigenwillig und sehr perfektionistisch und hat dadurch einen nahezu zwanghaften Ehrgeiz entwickelt. Ihre Noten im Fernstudium sind ausgezeichnet, wofür sie im Umfeld auch entsprechende Anerkennung bekommt. Tom unterstützt sie in ihrem Tun und ist stolz auf sie.
Ihr Perfektionismus ist gezeichnet von hohen Zielen und das Erbringen von Leistung, denn sie hat gelernt, dass Leistung zählt und damit die Akzeptanz und ihr Wert. „Nur-Mutter-sein“ scheint ihr nicht auszureichen, um die entsprechende Anerkennung zu erhalten. Ihr dahinter stehendes eher schwaches Selbstwertgefühl versucht sie durch entsprechende Leistung zu kompensieren, indem sie den anderen zeigt, was sie zu leisten fähig ist und was sie kann. Ihr Stolz auf ihre guten Noten hält nicht lange an. Sie kann ihn nicht wirklich auskosten und geniessen, stattdessen steht das nächste Ziel an, das sie erreichen möchte. Ein Teufelskreis entsteht.
Symptome eines Burnouts machen sich bemerkbar: die emotionale, soziale und körperliche Erschöpfung und das Nachlassen ihrer geistigen Leistung. Sina hat keine Nerven mehr. Sie schreit am Zmorge ihren Mann an, weil er ein Lied summt. Die Kinder erschrecken. Ihr Schlaf ist nicht mehr erholsam, ihre Gefühle stumpfen ab. Sie zieht sich bei der Arbeit und im sozialen Umfeld immer mehr zurück. Hilflosigkeit kommt auf, Angst, das alles nicht mehr zu schaffen. Sie verliert langsam ihre Selbstachtung und ein Gefühl von innerer Leere macht sich breit. Ihre Motivation geht verloren und sie überlässt die Verantwortung immer mehr ihrem Mann und den Grosseltern. Schlussendlich zeigen sich körperliche Symptome. Ein stationärer Aufenthalt in einer Fachklinik wird notwendig. Tom zieht mit den Kindern vorübergehend zu seinen Eltern.
Sina überschätzte und überforderte sich immer mehr und das Umfeld bot entsprechend ausgleichende Hilfe in Form von Entlastung an, stellte seine eigenen Bedürfnisse zurück und übernahm immer mehr die Verantwortung. Spätestens hier wäre es hilfreich gewesen, Sina und Tom auf die sich ungut entwickelnde Situation hinzuweisen und zu einer professionellen Hilfe zu motivieren, die das generationsübergreifende System berät und unterstützt.
*alle Namen geändert
Fremdgehen: Ferien von der Monogamie?
Priska M. Finteis Pevalek für das St.Galler Tagblatt,
Ausgabe 22. Februar 2010
Ein kleiner Flirt an der Fasnacht, da fängt für viele schon die Untreue an, während andere den Begriff wesentlich toleranter auslegen und die sexuelle Untreue erst der Treubruch bedeutet. Wesentlich ist, dass beide Partner sich darüber einig sind, wo die Grenzen eines untreuen Verhaltens liegen, wo ein Betrug beginnt. Gesellschaftlich wird Fremdgehen als eine negative Handlung gesehen, mit der ein Vertrauensbruch dem Partner/der Partnerin gegenüber passiert. Die Folge davon sind Lügen und Verletzungen.
In einer als gut und zufrieden erlebter Partnerschaft wird Fremdgehen kein Platz haben und ein ernsthafter Gedanke daran wird erst gar nicht aufkommen.
Einer Online-Befragung zufolge steht bei Männern fürs Fremdgehen die sexuelle Unzufriedenheit an erster Stelle, bei den Frauen erst an vierter. Hingegen rangte bei Frauen die mangelnde Aufmerksamkeit ihres Partners an erster Stelle, welche bei den Männern erst an zweiter Stelle kam.
Neben der sexuellen Unzufriedenheit führen Beziehungsprobleme, mangelhafte Kommunikation und nachlassende wertschätzende Aufmerksamkeit dazu, sich in eine Affäre zu stürzen. Mangelnde Lust auf Sex mit dem Partner/der Partnerin oder er/sie wird nicht mehr als sexuell attraktiv empfunden, werden als Gründe genannt, die ein Fremdgehen rechtfertigen sollen. Kommt vom Partner oder der Partnerin kein sexuelles Interesse mehr, so könnten die Gründe dafür auch bei sich selbst liegen und im eigenen Verhalten zu suchen sein, ob ich denn wirklich so nett und zuvorkommend, attraktiv und einladend bin, wie ich das von mir denke? Oder wirke ich desinteressiert und eher gelangweilt und unterstreiche dies noch mit meiner entsprechenden Mimik? Eine gute Freundin oder guter Freund kann hilfreiche ehrliche Rückmeldungen geben, die zu dem nötigen Anstoss einer Veränderung des eigenen Verhaltens motivieren.
Mangelnde Sexualität in der Partnerschaft wird zunächst mal durch Selbstbefriedigung ausgeglichen. Immer wiederkehrend wird auf den Mangel aufmerksam gemacht und die Unzufriedenheit mitgeteilt, kommt mit der Zeit allerdings eher lästig und vorwurfsvoll an und führt nicht selten zur Mutlosigkeit, wenn es nicht gelöst werden kann. Spätestens hier steht der/die Unzufriedene vor der Entscheidung: akzeptieren? resignieren und nach anderen (Aus-) Wegen suchen? mit professioneller externer Hilfe nach einschlägigen Lösungen suchen? oder bleibt nur noch die Trennung?
Ändert sich nach vielen vergeblichen Versuchen, die Unzufriedenheit anzugehen, nichts oder nur vorübergehend, kommen Gedanken vermeintlicher Lösungswege auf, sich die Erfüllung der Bedürfnisse ausserhalb der Beziehung zu verschaffen. Die Häufigkeit des Gedankens daran hängt mit dem Grad der Unzufriedenheit zusammen und der immer wieder erlebten Enttäuschung, dass der Partner/ die Partnerin nicht auf die vorgebrachten Anliegen ernsthaft eingeht oder eingehen kann.
Gelegenheit macht Diebe, heisst es. Doch nicht jede Gelegenheit muss zwangsläufig ergriffen werden. Ein noch so verlockendes Angebot, das sich bietet, kann als uninteressant betrachtet werden, Mann wie Frau kann lernen, der Versuchung zu widerstehen, wenn der Blick voraus auf sämtliche meist darauffolgende Unannehmlichkeiten geworfen wird, die man sich damit aller Wahrscheinlichkeit nach einheimst.
Fremdgehen ist ein reiner Willensentscheid, ein Zulassen für das der, der untreu handelt, die volle Verantwortung für sein Handeln trägt. Der Gedanke ans Fremdgehen und es auch wirklich tun, macht einen wichtigen Unterschied. Denn hier liegt die Entscheidung: resigniert dem Gedanken nachgeben und alles aufs Spiel setzen oder doch die Krise als Chance nutzen und gemeinsam daran arbeiten und zusammenwachsen? Im Idealfall entsteht hier ein ganz tiefes neues Vertrauen, eine hohe Achtung voreinander und eine wirkliche Wertschätzung, die die Gefühle von Geborgenheit und Zugehörigkeit vertiefen.
Standhaft bleiben, sich den Verlockungen widersetzen und nach nicht so einfachen aber konstruktiveren Alternativen suchen, ist auch ein Willensentscheid. Das heisst nicht, dass Flirten nicht mehr erlaubt ist, doch es muss klar sein, wo die Grenzen sind. Seine eigenen sexuellen Triebe beherrschen und sich kontrollieren zu können, ist eine Fähigkeit, die sich zu entwickeln lohnt und dabei der Verantwortung gerecht werden, die Werte wieder hoch zu halten. Denn viele Normen und Werte sind durch die (lust- und spass-) gesellschaftliche Entwicklung gegenstandlos geworden.
Um 90 % der Sexualakte finden fast ausschliesslich innerhalb der Partnerschaft statt. Das Fremdgehen ist somit im Vergleich zum Sex in der Partnerschaft von daher gesehen ein eher seltenes Ereignis. Schliesslich hat eine andere Studie festgestellt, dass 16 % aller befragten Männer und 38 % aller befragten Frauen in ihrem Leben nur mit einem einzigen Mann Sex hatten und den vielleicht auch schon mal aufgekommenen Reiz des Fremdgehens überwunden haben. Denn wer in seiner Partnerschaft zufrieden ist, wird sich kaum mit dem Gedanken an Untreue beschäftigen.
Kleine Zeitinseln schaffen
Priska M. Finteis Pevalek für das St.Galler Tagblatt,
Ausgabe 3. Dezember 2009
Täuscht der Eindruck oder nehmen Konsumrausch und Hektik vor Weihnachten mit jedem Jahr zu – Finanzkrise hin oder her?
Priska Finteis Pevalek: Es macht ganz den Anschein. Unter dem Weihnachtsbaum werden sich wieder Päckchen-Berge türmen, das alljährlich beschworene traute Beisammensein im Kreise der Familie wird von Meinungsverschiedenheiten überschattet, und am 27. Dezember sind alle froh, dass die Feiertage wieder mal überstanden ist.
Es ist merkwürdig, wie es uns gelingt, in einer Zeit der Ruhe und Besinnung ein besonders grosses Ausmass an Hektik und Unruhe hervorzurufen. Wo könnten die Gründe liegen?
Finteis: Vielleicht in der Tatsache, dass materielles Besitztum als höchst erstrebenswert gilt, und immer neue Begehrlichkeiten geweckt werden. Oder um allenfalls das schlechte Gewissen zu kompensieren.
In der Folge stehen wir bei der Suche nach einem Geschenk fürs Göttikind oder die Eltern ratlos im Laden, da das Kinderzimmer mit Spielsachen überquillt oder Mutter und Vater sich heimlich etwas wünschen, was sich nicht kaufen lässt: Zeit für sie. Möglicherweise übertünchen wir mit dem Geschenke-Marathon eine innere Leere. Oder belohnen uns selbst für all die Plackerei während des Jahres – wir sind es uns schliesslich wert… Ob uns diese Gaben dauerhaft glücklich machen, sei dahingestellt.
Rückblickend erscheinen uns Adventszeit und Weihnachten der Kindertage in einem wärmeren Licht. Sentimentalität oder Erkenntnis?
Finteis: Wohl beides.
Erwachsene verklären ihre eigene Kindheit gerne, es sei denn, sie hätten unter finanzieller Not oder mangelnder Nestwärme gelitten. Damals fiel uns die Einstimmung auf Weihnachten zwangsläufig einfacher: Das schmale Einkommen des Vaters und das kleinere Angebot in den Läden mussten durch Einfallsreichtum wettgemacht werden.
Durch Weihnachtslieder, selbstgemachte Backwaren, Bastel- und Vorlese-Nachmittage mit der Mutter, Adventsschmuck, die heimliche Suche nach versteckten Geschenken, Selbstgemachtes, das alle rührte…
Die Zeiten haben sich geändert: Familien zerbrechen, Kinder sind mindestens so gestresst wie ihre Eltern, immer mehr Alleinerziehende müssen den Lebensunterhalt verdienen.
Ist es nicht verständlich, wenn Mütter oder Väter ihren Kindern jeden Wunsch von den Augen ablesen?
Finteis: Die heutigen Familienstrukturen sind in der Tat anders, und ich muss den Hut ziehen vor den Alleinerziehenden. Dennoch glaube ich, dass wir die Adventszeit anders nutzen könnten, um aus dem Alltagstrott auszubrechen, der Routine zu entfliehen.
Wie zum Beispiel?
Finteis: Weniger an Geschenken kann hier bedeutend mehr sein. Zeit wurde früher anders genutzt als heute, nicht zuletzt, weil uns heute die Elektronik in ihrem Bann hält. Kinder und Jugendliche verschanzen sich hinter Computerspielen, und die Erwachsenen hocken vor Krimi oder «Sportschau». Ich plädiere dafür, Zeitinseln zu schaffen, um gemeinsam etwas zu erleben. Zum Beispiel an einem Dezember-Wochenende bewusst auf Computer und Fernseher zu verzichten.
Dafür Geschichten vorlesen, Kerzen giessen, Märchen-Klassiker oder Hörbücher geniessen, musizieren, singen oder sich bei Gesellschaftsspielen vergnügen. Es gibt auch für Jugendliche spannende Strategiespiele. Diese Familienzeit fördert den Zusammenhalt weit mehr als jedes Spielzeug. Und hat zudem den Vorteil, dass wir nicht konsumieren können, was die andern uns vorsetzen. Es bedeutet aber auch, die Konsum-Komfortzone bewusst zu verlassen und selbst aktiv zu werden.
Wie spannen Alleineltern aus?
Finteis: Indem sie ihren Kindern von klein auf beibringen, dass sie sich auch mal alleine beschäftigen müssen, schaffen sie sich Freiraum. Diese Stunde kann genutzt werden, um in Ruhe Tee zu trinken, ein Bad zu nehmen, zu lesen, Musik zu hören. Oder sich mit der Freundin bei der Betreuung der kleinen Kinder abzuwechseln.
Alleineltern haben oft ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber, insbesondere, wenn sie berufstätig sind, da sie ungewollt weniger Zeit für sie haben.
Wie lässt sich schliesslich feiern, ohne dass die sensiblen Beziehungsfäden zwischen den Generationen strapaziert werden?
Finteis: Indem man lernt, Erwartungen und Befürchtungen offen zu äussern, und alle Beteiligten miteinander vereinbaren, wie sie sich an Weihnachten verhalten können, ohne Geschirr zu zerschlagen.
Das heisst nicht, Konflikte unter den Tisch zu kehren, es heisst aber, sie nicht ausgerechnet an jenem Tag, sondern zu einem späteren Zeitpunkt anzugehen und zu klären versuchen. Zudem ist es von Vorteil, wenn wir frühzeitig gemeinsam überlegen, wie wir das Fest begehen wollen: Müssen sich wieder alle bei den jeweiligen Herkunftsfamilien treffen, nur weil es deren Wunsch ist? Muss immer die Single-Schwester einspringen, um sich um das verwitwete Elternteil zu kümmern?
Weshalb nicht mit überholten Traditionen brechen, zu Hause bleiben und unbeschwert nach Lust und Laune im Trainer faulenzen? Und statt eines Fünfgängers der Mutter etwas Unkompliziertes kochen, bei dem sich auch die Jugendlichen beteiligen.
Gerade Jugendlichen sind Familienfeiern ein Greuel…
Finteis: Wenn die Jungen ein Mitspracherecht haben, sind sie auch viel eher bereit, Kompromisse zu schliessen: zum Beispiel Heiligabend zu Hause feiern, tags darauf ausschlafen und Freunde treffen, und am 26. für ein paar Stunden die Verwandten besuchen. Nach den Festtagen sollte am Familientisch ein Fazit gezogen werden. Damit auch die nächste Advents- und Weihnachtszeit mit Freuden erwartet wird.
Wenn es im Bett nicht mehr knistert
Priska M. Finteis Pevalek für das St. Galler Tagblatt,
Ausgabe September 2009
Lustlosigkeit Laut Studien soll ein vermindertes Verlangen soll bei Frauen das grösste sexuelle Problem sein.
Die Beziehungs- und Sexualberaterin Priska Finteis Pevalek über ein Thema, das selbst unter Frauen noch oft tabu ist. Sybil Jacoby
Frau Finteis Pevalek, haben viele Frauen keine Freude mehr am Sex?
Priska Finteis Pevalek: Es ist tatsächlich ein grosses Problem, insbesondere, weil es keine eindeutige Ursache gibt.
Es betrifft hauptsächlich Frauen, vereinzelt auch Männer. Sexuelle Lustlosigkeit kann eine Beziehung tiefgreifend erschüttern, weil für beide Partner viel auf dem Spiel steht: Männer messen an der sexuellen Lust den Grad der Liebe ihrer Partnerin zu ihnen, Frauen suchen die Ursache eher bei sich selbst.
Welche Ursachen stecken dahinter?
Finteis Pevalek: Grundsätzlich hängt es mit dem Paar zusammen, wie es Sex «lebt». Zudem haben sich die Partner zu fragen, wen die Lustlosigkeit mehr betrifft, und welches die Gründe sein könnten. Liegt es beispielsweise an der psychosexuellen Entwicklung, wie das Paar mit Sexualität aufgewachsen ist, wie im Elternhaus damit umgegangen sind? Auch die sexuellen Lernschritte prägen unsere Art und Weise, ob wir Sex als bereichernd oder eher abstossend erfahren.
Wie das berühmte erste Mal beispielsweise?
Finteis Pevalek: Ja, natürlich. Wie haben wir unseren ersten Partner erlebt? Diese Erfahrung und spätere Beziehungen prägen unsere Selbstsicherheit auf diesem Gebiet, welche Vorbilder wir hatten, wie wir uns mit dem Geschlecht identifizieren, wie wir den eigenen Körper entdecken, uns selbst befriedigen. Hatten wir als Teenager Zonen, in die wir uns ungestört zurückziehen durften?
Welche Rolle spielt dabei das Erwachsenenalter?
Finteis Pevalek: Als Erwachsener kann man aus seinem Erfahrungsschatz schöpfen, hat möglicherweise Vorlieben, sexuelle Phantasien. Lösen diese allenfalls Schuldgefühle oder Hemmungen aus, die durch das Elternhaus oder die Religion bestimmt wurden wie Abneigung oder Ekel? Von grosser Bedeutung sind Traumata wie Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe. Ein Beispiel: Wenn wir das Begehren unseres Partners erst einmal ablehnen, weil es daran erinnert, wie ein Familienmitglied uns körperlich oft zu nahe gekommen ist.
Was wirkt sich noch auf unsere sexuelle Beziehung aus?
Finteis Pevalek: Wichtig sind auch die Lebensumstände: eine Krankheit, Schicksalsschläge, Stress oder Überforderung, aber auch die Lebensphase, in der sich das Paar befindet: Eltern von kleinen Kindern stehen an einem anderen Punkt als eines ohne Kinder oder gar ein Paar in der zweiten Lebenshälfte.
Demnach sind nicht nur ältere Frauen von Lustlosigkeit betroffen?
Finteis Pevalek: Keineswegs. Auch eine junge Frau kann ihre Lust auf Sex verlieren, etwa, wenn eine junge Ehe sich nach zwei, drei Jahren zu verändern beginnt. Oder eine Mutter mag nach dem ersten oder zweiten Kind plötzlich nicht mehr. Es muss gar nichts Gravierendes in der Partnerschaft geschehen. Natürlich leiden auch ältere Paare unter der Funkstille im Bett.
Die Gewohnheit tut das ihre dazu…
Finteis Pevalek: Und wie! Ich verwende gerne folgendes Bild: Sex ist mit einem Buffet vergleichbar. Es wird alles >Mögliche angeboten, Einiges ist hell angeleuchtet, auf gewissen Sachen liegt noch eine Haube. Wir müssen uns fragen:
Was befindet sich unter der Haube? Was hätte ich gerne? Wenn wir neugierig sind und unsere Wünsche äussern, kann unser Liebesleben wieder bereichert werden. Den Sex auf Sonntagmorgen im Schlafzimmer zu verschieben, ist wie immer Schnitzel essen – langweilig.
Wagen Frauen, ihre Wünsche zu äussern?
Finteis Pevalek: Das ist sehr unterschiedlich. Doch ich stelle fest: Männer wünschen sich Frauen, die sich äussern, wie sie es gerne hätten. Es befreit sie von einer grossen Verantwortung. Das Körperliche ist dabei übrigens nur ein Aspekt: Wir sollten den Zugang zu unserem ganzen sensuellen Bereich finden: sich gegenseitig berühren, ohne an Sex zu denken, einander im Alltag Wertschätzung zeigen, die Grenzen fliessender machen zwischen Zärtlichkeit und dem Akt. Und: Wer Klarheit schafft, steigert die Lebensfreude!